Historisches über Neidenbach in der Eifel


Nidinbuch 1177-1977 Neidenbach

von Dr. Josef Hainz


Die Geburtsurkunde vom 2. August 1177

in gekürzter deutscher Übersetzung nach den Mittelrheinischen Regesten:

1177 Aug. 2. Papst Alexander III. ertheilt dem Cistert. Abt. Gillebert von Himerod (de Claustro) ein Schutz und Bestätigungs-Privilegium der Rechte und Besitzungen seines Klosters. Letztere sind: die Klosterstelle mit allen Zubehörungen; die Nutzungen in Honscheith, die Graf Conrad, Fulco v. Mal berc, Theobald v. Bettenge und Henr. v. Kerpene dem Kloster geschenkt hatten; das Land und die Nutzungen im Bezirke von Lidecha, welche Gerard v. Rozei und dessen Sohn Esso gegeben; das von Cono v. Malberc, Wirrich v. Bethenge, Albero und Teorder. v. Carpene in Honsceit geschenkte Land; der Hof Emenroth, 1 Mansus zu Molbach, Land zu Hucchchole und Rupenrode, Nutzungen im Simeonswalde und im Bezirk von Minderlitqe (minoris Lideche); der Hof Winterbach mit der Fischerei und allen Zubehörungen beiderseits der Kile und im Walde von Yranch; die Höfe Schönfeld (Belcamp) u. Gevelestorp nebst 4 Man­sus in letzterm, von denen Godefrid v. Badenheim einen gegeben; ein AIlod zu Nidenbuch; die Höfe Ursoe, Rodebos und Vailz (de Vallibus) nebst dem in letzterm von Riccard v. Mandersceith Erworbenem; der von den Erzbischöfen Albero und Hillin von Trier gegebene Hof Harth; der Hof Siebenborn (de Septemfontibus) mit Weinbergen, Feldern und Wiesen, welche Cristian v. Marang und dessen Frau Magaldis geschenkt; Wingerten zu Ludenesdorph, Urzeche, Erdene, Rathecke, Zeltane, Gra­che, Kestende und Kemeta; ein Haus zu Trier und ein anderes außer­halb der Stadt mit Wingerten und Ländereien am Martinsberg; die mit den Erzbischöfen Albero, Hillin und Arnold vereinbarte Lieferung gewis­ser Zinsen statt der Zehnten an den Pastor von Noviant aus den Besitzun­gen zu Siebenborn, Noviant und Maranch, an die Pastoren von Altrei, Witelich und Grandestorp aus diesen Pfarrbezirken, an den Pastor von Bethenvelt aus dem Hofe Rodebos, an den von Cordel aus dem Hofe Winterbach und an den von Liddike aus dieser Pfarrei. ,, Religiosam vitam" etc. Venetus in Rivoalto 4 non. aug. 1177 md. 10, pont. dni. Alexandri III ppe. a. 18. Orig. in Coblenz. Gedr. Mttlrh. Ukb. 2,62. Reg. ibid. 2,730 no. 745. Jaffe 774 no. 8519.392.

Die älteste urkundliche Erwähnung von Neidenbach im Güterverzeich­nis des Domkapitels Trier (980 - 1180) lautet: ,,Elemosina mafridi in Nidinbuch (uxor fridelonis solvit) solvenz II. solidos in festo 5. petry."

Elemosina ist ein ewiges Lehen an eine religiöse Körperschaft, in unse­rem Fall die Zahlung von zwei Goldgulden an das Domkapitel in Trier. Der Besitzer der kleinen Grundherrschaft (Allodium), Mafridus, zahlt (solvens) zwei Goldgulden an das Domkapitel. Der Neidenbacher Guts­hof war also mit einer Abgabe belastet. Obwohl dieses Güterverzeichnis für Neidenbach die älteste urkundliche Erwähnung bringt, kann sie leider nicht als Geburtsurkunde Verwendung finden, denn sie umfasst einen Zeitraum von zweihundert Jahren. Der Gutshof in Neidenbach ist also viel älter als seine Geburtsurkunde. Wir könnten den Geburtstag inner­halb der zweihundert Jahre festsetzen, aber da fehlt jede Genauigkeit. In einer Urkunde vom Jahre 1130 wird diese Abgabe von zwei Goldgulden von Neidenbach als Erblehen dem Kloster St. Thomas verliehen, also bestand die Neidenbacher Grundherrschaft noch zu dieser Zeit. Ab wann die Neidenbacher Grundherrschaft diese Abgabe zahlte, ist leider nie mehr feststellbar, allenfalls kommt laut Güterverzeichnis ein Zeitraum von zweihundert Jahren (980 - 1180) in Frage. Die Abgabe von zwei Goldgulden an das Domkapitel zu Trier könnte auch die Veranlassung gewesen sein für die Schenkung der Grundherrschaft von Neidenbach an das Kloster Himmerod (2. August 1177). Diese Annahme kann noch dadurch bekräftigt werden, dass das Kloster Himmerod eigentlich eine Gründung Triers war. Der wichtige Satz im Güterverzeichnis lautet:

Mafridus in Nidinbuch zahlt jährlich zwei Goldgulden am Feste des hl. Petrus (Neidenbach hat ein Petruspatrozinium). Mafridus ist also der Zahler, der spätere Zusatz ,,uxor fridelonis solvit" heißt: Die Gattin des Fridelon hat bezahlt. Nach der Bedeutung des Verbums ,,solvit" kann das nur heißen, dass die Gattin nachher bezahlt hat. Demnach ist Mafridus der älteste urkundlich belegte Besitzer der Grundherrschaft Neidenbach. Bei der Schenkung an das Domkapitel in Trier liegt der Gedanke nahe, dass das Malbergische Gut Allodium de Nidenbuch samt der Kirche auf ein allodisiertes Lehensgut, Salgut des Domkapitels zu­rückzuführen ist. Das Petruspatrozinium in Neidenbach läßt auf eine sehr enge Bindung zu Trier schließen, es gehört zur älteren Gruppe der Patrozinien.

(Mafridus = Ma-fridus:

1. Ma = magan = ahd: Vermögen, Besitz, Landbesitzer,

2. -fridus = ein Herr, der Frieden, Sicherheit, Schutz gewährt)

Die Papsturkunde vom 2. August 1177 als Geburtsurkunde von Neidenbach

Nach der Darstellung der eigentlich ältesten Urkunde von Neidenbach soll die Geburtsurkunde dargestellt werden.

Wenn wir den Text der Papsturkunde, die also zugleich Geburtsurkunde von Neidenbach ist, untersuchen, so heißt es: Graf Fulco de Malberc schenkt dem Kloster Himmerod das Allodium de Nidenbuch. Ein Allodium ist ein Erbgut und ein Gutshof in Neidenbach. Er schenkt diesen Gutshof zusammen mit einem Hof in lrsch mit allen Zube­hören. Papst Alexander III. (7. September 1159 bis 30. August 1181) ist ein tüchtiger und erfolgreicher Papst. Sein Pontifikat ist durch ein Schisma von vier Gegenpäpsten gekennzeichnet. Er krönte den Kaiser Friedrich 1. am 11. August 1167 zum zweiten Male. Papst Alexander stellte sich in den schwierigen Auseinandersetzungen zwischen Kaiser und den Lombarden schließlich auf die Seite des Lombardischen Städtebundes. Von diesem Bund wurde Friedrich 1. in der Schlacht bei Legnano völlig besiegt. Kaiser Friedrich 1. ging daher auf Verhandlun­gen ein und schloß Anfang August den Friedenskongress in Venedig. Erz­bischof Arnold von Trier war kaiserlicher Gesandter an Papst Alexander III. Am 22. Juli 1177 ist er Mitunterzeichner des Friedensvertrages zwischen Friedrich 1. und Alexander III. Die Zisterzienserabtei Himmerod wurde bekanntlich im Jahre 1138 vom heiligen Bernhard von Clairveaux mit Unterstützung des Bistums Trier gegründet. Im Jahre 1178, also 40 Jahre nach der Gründung, erfolgte bereits die Vollendung der romani­schen Basilika. Zur Errichtung dieser Basilika brauchte wohl die Abtei viel Geld. So könnten wir uns vorstellen, dass der Bau und die Voll­endung durch großzügige Schenkungen des heimischen Adels an die Abtei ermöglicht wurde. Wir wollen nun die Schenkung des Fulco von Malberg etwas ausführlicher darstellen.

Im Jahre 1177 hat Fulco von Malberg den Gutshof von Neidenbach dem Kloster Himmerod geschenkt, im Jahre 1180 bereits bestätigte Graf Ru­dolf von Malberg die von seinem Vater gemachte Schenkung. Im Jahre 1239 verglichen sich Agnes und Theoderich von Malberg über verschie­dene Streitigkeiten mit dem Kloster Himmerod. Bereits in dieser Zeit war wohl die Schenkung in Frage gestellt. Im Jahre 1240 bestätigt Rudolf von Malberg die Rechte des Klosters Himmerod im Walde Hohen­scheidt, der im Jahre 1177 ebenfalls als Schenkung angeführt wurde. Am 8. 10. 1257 bestätigt Rudolf Herr von Malberg diejenigen Erwer­bungen des Klosters Himmerod, die es bisher von seinen Leuten in den Vogteien ,, Bethingen" und ,, Mervelt" hatte. In der gleichen Urkunde untersagt Graf Rudolf alle anderen Erwerbungen. In dieser Aufzählung kommt Neidenbach nicht mehr als Schenkung an das Kloster vor. Eine genaue Urkunde über den Gutshof Neidenbach ist das ,,Diplomatanum Monastene sancti Thomae ad Killam (1185 - 1372)."

Der Verfasser dieser Schrift ist Laurentius de Wede (1378); ein Geistlicher des Klosters Himmerod hat sie auf Geheiß der Äbtissin von St. Thomas, Da Lucardis, Herrin von Brandenburg, abgefasst. Diese schweinslederne Handschrift ist im Staatsarchiv Koblenz erhalten. In ihr sind alle Privile­gien, Gerechtsame und vor allem die Besitzungen des Klosters, welche dasselbe von 1187 - 1372 erlangt hatte, angeführt. Auf Blatt 2 ein Re­gister der Güter:

De bonis in Erlesburhen

Item de Bonis Erlesbuhren. Item de Erlesbuhren

De nemore (Wald) in Wylnesauren

De ursowe (lrsch) et Nydenbuch usw.

Diese Urkunde beinhaltet bereits den Besitz des Klosters St. Thomas in Neidenbach, es handelt sich wohl um den Gutshof. Im Jahre 1224 ver­machten die Eheleute Theoderich und Agnes in ihrer Kapelle zu Malberg dem Nonnenkloster St. Thomas aus der väterlichen Erbschaft der Agnes Güter zu Nydenbuch und Wych (Malbergweich). Sie behalten ihren Kindern, falls sie noch welche bekommen sollten, das Rückkaufrecht für 40 trierische Pfund vor. Die väterliche Erbschaft der Agnes ist der Gutshof zu Neidenbach. Diesem Gutshof, der mit einer Abgabe von 2 Goldgulden belastet war, begegnen wir wieder in einer Urkunde von 1230. Leider versiegen die Urkunden über das Allodium de Nidenbuch recht bald. Das kann nur bedeuten, dass es im 13. Jahrhundert so sehr in den Lehensbereich Malberg, St. Thomas, Kurtrier einbezogen wurde, dass es Salgut wurde und unter den Landesherrn aufgeteilt werden konnte.

Ein Allodium - allaudium (alodis, ahd.: alod) ist ein Ganzbesitz, ein Ganzeigentum, ein freier Grundbesitz. Sie belegt uns die älteste Form des Liegenschaftserwerbes in der Zeit der Landnahme. Bei Grund­stücken ist zunächst immer ein Kollektiveigentum anzunehmen. Aus diesem Kollektiveigentum wurde ein Gesamteigentum der Marktgenos­senschaft. Der Bifang ist der Mittelpunkt der Siedlungsfläche, dort wurde später die Grundherrschaft eines einzelnen Besitzes errichtet. Wir haben solch ein Beispiel in Rittersdorf erhalten. Aus der Hausgemeinschaft und aus dem engeren Verwandtschaftskreis entstand erst allmählich in der Frankenzeit das Individualeigentum. Kurz gesagt, aus dem alten Kollektiveigentum aus der Zeit der Landnahme war eine Grundherr­schaft entstanden. Wann diese fränkische Grundherrschaft in Neidenbach entstanden ist, wissen wir nicht, zumal bisher auf der Gemarkung Neidenbach keine fränkischen Reihengräber gefunden wurden. Dennoch könnten wir im Vergleich zu anderen Allodialgütern etwa bis in die Zeit der Karolinger zurückgehen, zumal auf der Gemarkung Neidenbach viele gallorömische Flurnamen erhalten sind, die sogar aus der Zeit der Landnahme stammen können.

Das Allodium de Nidenbuch stand in Neidenbach an der Stelle, wo heute noch die Ortsbezeichnung ,,An der Burg" gebräuchlich ist. Zu dieser Gutsherrschaft gehörte auch eine Eigenkirche, die von der Familie des Gutsherrn errichtet war. Lr war auch zuständig für die Bestellung eines Priesters für den Gottesdienst. Ein Beispiel dafür ist der Baden­borner Hof bei Meckel. Aus dieser Eigenkirche entstand dann später die Peterskirche von Neidenbach, sie könnte sogar an der gleichen Stelle gestanden haben. Die Entstehung des fränkischen Dorfes Neidenbach ist ein Ergebnis einer langen Entwicklung der Besiedlung. Die ersten Siedlungen bei der Landnahme hatten bereits ein weites und hofartiges Gepräge in der Form der römischen Gutshöfe. Die Gemarkung hatte ursprünglich kaum Grenzen, jedoch gibt es einige Gründe dafür, dass die Gemarkungsgrenzen im Zusammenhang mit römischen Siedlungsflä­chen festgelegt wurden. Vorrömische Wege und die Römerstraße wurden in vielen Fällen Grenzscheide zwischen Gutshöfen. Die römische Gutsfläche wurde Besitz der neuen Landesherren, der fränkischen Grafen.

Die römischen Gutsflächen von Neidenbach und Malbergweich gerieten so an Malberg. Die Römerstraße Trier-Köln blieb wie bisher die Grenz­gemarkung, das finden wir entlang der ganzen Strecke der Römerstraße. In der Gemarkung Neidenbach haben wir eine Fundlücke von etwa 300 - 400 Jahren (450 - 980). Es wurden zwar Frankengräber in Kyll­burgweiler ,,Auf dem Wolfzoll" und in Etteldorf gefunden, sie sind natürlich bestätigende Funde für diese zwei Gemarkungen. Der einzige Beleg für Frankengräber in Neidenbach könnte die Flur ,,Hedtmauer ­Heidemauer" sein. Oft wurden fränkische Gräberbereiche als Heidenberg, Heidemauer usw. bezeichnet. Aber auch römische Baureste er­hielten diesen Flurnamen; weil bei dem Flurnamen Hedtmauer der Wortteil -mauer überwiegt, so könnten wir auch an eine römische An­lage an dieser Stelle denken. Der Ortsteil in Neidenbach ,,An der Burg" kann auch heute noch begrenzt werden. Dieser Ortsteil umfasst den Be­reich Kreuzstraße-Sefferweg. Die Burg von Neidenbach lag auf beiden Seiten des Neidenbaches. Auf der Siedlungsfläche des Gutshofes, des Bifanges, stehen heute vierzehn Anwesen:

1. Reiter, 2. Adam Mereien, 3. Johann Ehlen, 4. Ludwig Mereien, 5. Hermann Servas, 6. Georg Kalmes, 7. Walter Nickels, 8. Adolf Müller, 9. Heinrich Born, 10. Matthias Breuer, 11. Klaus Theis, 12. Ewald Schmitz, 13. Klaus Wirz und 14. Alfons Klankert. Diese vierzehn Anwesen liegen auf beiden Seiten des Neidenbaches. Wenn auch bisher keine Mauerreste der alten Gutsanlage gefunden werden konnten, so dürfen wir dennoch annehmen, dass die Wohnbauten auf der linken Bachseite standen, da diese hochwasserfrei ist. Der Besitzer der Burg von Neidenbach war ein ,,Allodianus".

Gleiche kleine Grundherrschaften aus der Frankenzeit finden wir außer­dem in Wilsecker (heute noch Ortsteil Burg), in Erdorf (Mauer von der Burganlage), in Malbergweich (Mauerreste, Burganlage) und in Sefferweich.

Die Ortschaft Sefferweich ist wohl selbst aus zwei kleinen Grundherrschaften entstanden. Nördlich davon erstreckt sich die große Prümer­grundherrschaft: Seffern, Sefferweich, Heilenbach, Feuerscheid, Wa­wem, Burbach, Nimshuscheid, Lasel und Schleid. Somit ragte die Ge­markung Neidenbach mit ihrer Peterskirche wie ein Keil in das große Fürstentum Prüm, das ja bekanntlich später kurfürstliches Territorium von Trier wurde. Die Folge davon ist. dass die Gemarkung Neidenbach eine Dreiteilung erfuhr, dass Malberg, Kyllburg (Kurtrier) und St. Thomas etwa 600 Jahre lang als Grundherrn in Neidenbach auftraten. Diese Dreiteilung verhinderte in Neidenbach das Entstehen jeglicher Dorfge­meinschaft und ging erst 1815 zu Ende.

Quellenangabe: Festschrift 800-Jahr-Feier der Gemeinde Neidenbach 1977

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